LICHTPLATZ

22. April bis 09. Mai 2012

Eduardo Flores Abad zeigt eine Serie von manipulierten Landschafts-Polaroids: GLIPTOGENESIS ( spanisch: Verwitterung ), die durch einen zweiten Arbeitsprozess mit Hilfe von Holz- und Metallwerkzeugen verändert sind. Der hannoversche Komponist und Künstler für visuelle bewegte Musik erhielt im Jahr 2010 das Jahresstipendium des Landes Niedersachsen mit einem Arbeitsaufenthalt in den Künstlerhäusern Worpswede. Zur ErÖffnung wurden 2 neue Kompositionen Observaciones I + II für Gitarre mit ANTONIO AMODEO uraufgeführt. „Die Ausstellungs- Anmerkungen “ kamen von Viktoria Krüger

Inge-Rose Lippok beschäftigt sich seit längerem mit dem Zyklus LICHTPLÄTZE in den verschiedensten Techniken. Ver-Rückte, aus dem Gleichgewicht gefallene Plätze. In dieser Gemeinschaftsausstellung stellt sie Malerei Fotografie gegenüber – großformatige Bilder, Öl, wie Mischtechniken und die Rauminstallation PLÄTZE – UNBESETZBAR. Gemeinsam arbeiten Lippok und Flores Abad auch zur Zeit an einem Außeninstallations-Projekt mit Musik-Klang, das 2013 in Hannover gezeigt werden soll.

Den Prager Fotografen Pavel Rydl und I.R. Lippok verbinden bereits einige gemeinsame Kunstaktionen in Tschechien. Hier wird er mit seiner großformatigen Serie LICHT-STÜCKE vertreten sein. Er hat sich im Arbeitsreich der Künstlerkollegin zu Bildern des Augenblicks inspirieren lassen … Farbfotos als Momentaufnahmen, die das Flüchtige einfangen. Das, was fast schon am Entschwinden ist.

LICHT-PLATZ – Vernissage am 22. April 2012, 17 Uhr
Anmerkungen zur Ausstellung von Viktoria Krüger
Was für eine wunderbare Einstimmung auf diese Kunstausstellung,
vielen Dank Antonio Amodeo!
Guten Tag meine Damen und Herren,
ich bedanke mich bei Inge-Rose Lippok herzlich für die Einladung
und freue mich, dass Sie heute den Weg zu diesem beeindruckenden
Ort – hoch über den Dächern von Hannover, großzügig und Licht
durchflutet, gefunden haben – womit wir eigentlich schon beim
Thema sind, denn der Titel der Ausstellung lautet ja „LICHT-
PLATZ“.
Bei meinen Überlegungen, wie ich mit meinen „Anmerkungen zur
Ausstellung“ beginnen möchte, fiel mir etwas auf – die magische Zahl
3: es sind 3 Künstler – alle in ihrer Art sehr unterschiedlich – aus 3
Nationen und sie stellen hier in 3 Räumen aus! Für mich eine neue
Variante von „Alle guten Dinge sind drei“! Wir werden dieser Zahl
noch öfter begegnen.
Ich möchte Ihnen zunächst die Gäste von Inge-Rose Lippok
vorstellen, die sie – ich zitiere: zu „ihrem persönlichen Vergnügen“
eingeladen hat, eine Angewohnheit, der sie wohl hin und wieder gern
frönt. Gut so und ein großes Dankeschön dafür!
EDUARDO FLORES ABAD – schon der Name allein ist pure Musik
und Programm. Daher finde ich es nicht verwunderlich, dass sich ein
Komponist und Medienkünstler dahinter verbirgt.
Eduardo Flores Abad stammt gebürtig aus Ecuador. Er studierte
Instrumentale Komposition bei Prof. Nicolaus Huber und
Elektronische Komposition bei Ludger Brümmer an der Folkwang-
Hochschule Essen. Seit 1995 ist er als freischaffender Komponist und
Medienkünstler tätig und gefragt: in Europa, der USA und
Lateinamerika. Vorträge, Seminare, künstlerische Leitungen von
Festivals zeitgenössischer Musik zählen ebenfalls zu seinen Aufgaben.
Darüber hinaus ist er auch Gründer des hannoverschen Festivals
VISIONEN. Seit 2004 lebt Eduardo Flores Abad hier, in dieser Stadt.
2007 erhielt er zunächst ein Arbeitsstipendium, und 2010 dann das
Jahresstipendium des Landes Niedersachen, und zudem einen
Arbeitsaufenthalt in Worpswede.
Hier, in diesem Raum, werden seine „Polaroids: Metall-Holz-
manipuliert“ – so steht es in der Einladung – gezeigt. Es sind 24
Arbeiten, die ich als klein, fein und vielschichtig empfinde,
ungewöhnliche Mixturen und Kompositionen, die vermeintlich
Vertrautes in ein anderes Licht rücken – alles wie in einem
Guckkasten präsentiert. Man muss näher treten, um sie betrachten zu
können und ist fasziniert. Es handelt sich um 6 Serien, die Orten und
Themen zu geordnet sind. Natürlich sind auch Musikinstrumente
dabei – 3 an der Zahl (da haben wir sie wieder, die magische Zahl!).
Bitte beugen Sie sich daher auch über das weiße Sofa, denn da sind sie
zu betrachten – diese Form der „Zuneigung“ wird belohnt! Aber auch
die Motive aus Worpswede und Szenarien aus „unserem“ Hannover
sowie die Auto-Serie sind es wert, genau hinzuschauen.
Ich zitiere auszugsweise: „Das Leben selbst, dargestellt in Form eines
Atemzuges oder einer mikroskopischen Bewegung sowie der
kontinuierlichen neuen Anordnung von Elementen im Universum, ist
der größte kreative Akt, den ich mir vorstellen kann.“
Und zur Bearbeitung: „Ob es sich um eine algorithmische, Computer
gesteuerte Video-Komposition, ein per Hand geschriebenes
musikalisches Stück, eine digitale Zeichnung, oder eine Manipulation
mit einfachen Werkzeugen eines Polaroid-Bildes handelt, spielt keine
Rolle mehr. Entscheidend ist das künstlerische Ergebnis mit seinem
ästhetischen Ziel.“
Ich finde, die ausgestellten Arbeiten zeigen dies in hervorragender
Weise.
Ich komme jetzt zu dem zweiten Künstler, PAVEL RYDL, in Prag
geboren und dort lebend. Leider kann er heute nicht dabei sein. Sie
finden seine 11 Fotoarbeiten in diesem und im nächsten Raum.
Pavel Rydl hat an der Filmfakultät an der Akademie der Schönen
Künste Prag studiert. Er arbeitete danach als Kameramann in
verschiedenen Film- und Fernsehstudios und ist seit 1988 als
freischaffender Fotograf tätig. Pavel Rydl ist Mitglied in
professionellen Vereinigungen, war von 1998 bis 2008 Organisator
eines internationalen Symposiums, und hat sich mit seinen Fotos an
zahlreichen Ausstellungen in der Tschechischen Republik, in Italien,
Spanien, Großbritannien, Südafrika und Deutschland beteiligt.
Pavel Rydl folgt bei seinen „freien“ Fotos einem Thema: es sind
abstrahierte Kompositionen des natürlichen Details – kleine
Ausschnitte, die durch starke Vergrößerungen ein Eigenleben
bekommen. Zitat: „Ich möchte mit meinen Fotos die Aufmerksamkeit
des Betrachters nicht auf ein perfektes Bild von einem bestimmten
Detail fokussieren… Ich möchte es dem Betrachter erleichtern, sich
FREI zu sehen…“.
Mit Inge-Rose Lippok verbinden ihn gemeinsame Kunstaktionen und
die damit einhergehenden Erlebnisse. Und er war hier, und bei ihr zu
Hause zu Besuch. Dabei fotografierte er das Licht an den Wänden in
ihrer Wohnung und so entstand sein elfteiliger Beitrag für diese
Ausstellung und zu ihrem Thema „Licht-Stücke“. Eine „Hommage an
Inge-Rose Lippok“.
Mir gefällt nicht nur diese charmante Geste – diese Höflichkeit
verbinde ich mit den Tschechen – sondern ich finde auch den oben
zitierten gedanklichen Ansatz und die Umsetzung spannend. Mich
erinnern die Fotos an abstrakte Gemälde – und speziell die im zweiten
Raum, unterstützt von der hier bewusst gewählten Präsentation – an
Wandmalereien: schwungvoll verwischt, geheimnisvoll,
traumverloren, und eben wie gemalt. Die Momentaufnahmen eines
kurzen flüchtigen Augenblicks, … ein „Licht-Stück“ der Erinnerung,
verfremdend mit der Kamera eingefangen – auf diese Weise vielleicht
unvergänglich und für immer?
Last but not least komme ich nun zu INGE-ROSE LIPPOK, unserer
bezaubernden Gastgeberin – aber natürlich nicht nur das… Ihre
Arbeiten finden Sie in allen drei Räumen, sozusagen als verbindenden
Leitfaden, der sich durch die Ausstellung zieht.
Zunächst ein paar Worte zur Person: Inge- Rose Lippok hat schon
sehr jung, mit 14 Jahren, mit dem Kunstunterricht begonnen, am
Anfang privat, später dann als Studium an der Staatlichen Hochschule
für Bildende Künste in Braunschweig und an der Staatlichen
Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Dazu kamen
verschiedene Gastaufenthalte und Arbeitsstipendien, ab 1976 Atelier-
Gründungen, seit 2006 nun hier in der Lotzingstraße, unterm Dach
und über den Dächern.
Inge-Rose Lippok kann auf viele Einzelausstellungen zurückblicken
sowie auf Ausstellungsbeteilungen – in Deutschland, in Europa, in
den USA usw. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen und
privaten Sammlungen vertreten. Sie bewegt sich auch bevorzugt
großflächig mit Installationen im Außenraum, wenn möglich mit
Musik und Klangobjekten. Zudem – und das finde ich besonders
erwähnenswert – zeigt sie soziales Engagement, erarbeitet mit
Gruppen wie Lebenshilfe, Behindertenwerkstätten, Kindergärten,
Schulen und Kirche großformatige Projekte. Und sie lädt sich gern
Gäste ein!
Inge-Rose Lippok arbeitet in unterschiedlichsten Techniken. Diese
Ausstellung mit Bildern und Rauminstallationen zeigt das vortrefflich.
LICHT-PLATZ – so lautet der Titel. Spüren wir ihm nach.
Sprichwörter wie „jemandem ein Licht aufstecken“, „Licht in eine
dunkle Sache bringen“, „plötzlich in einem anderen Licht erscheinen“,
„jemanden hinters Licht führen“, „das Licht scheuen“ oder „Licht am
Ende des Tunnels sehen“ fallen mir dabei ein, um nur einige zu
nennen.
Auffallend ist auch das Motiv des Stuhls, das uns beharrlich durch die
drei Räume verfolgt. Ein Stuhl ist von seiner Funktion her ein Solist,
auf dem man allein für sich sitzt. Wenn Nähe angesagt ist, kann man
natürlich zwei oder mehr Stühle eng zusammen rücken. Ansonsten
wird eine andere Form der „Besetzung“ gewählt. Stühle sind flexibel,
sie sind verrückbar. Das erfordert jedoch Aktivität, erst geistige, dann
körperliche. Ich denke, das ist eine der Botschaften, die uns Inge-Rose
Lippok mitteilen will. Es gilt sowohl für die Betrachtung von Kunst
als auch für das Leben im Allgemeinen. Ich bitte um Beherzigung!
Drei – Sie wissen schon – Arbeiten – (sie sind allerdings jeweils
mehrteilig) – möchte ich aus den 20 hier gezeigten Werken heraus
greifen, und kurz darauf eingehen: in diesem Zimmer sind es die 3
Leporellos, die frei im Raum hängen. Sie blättern zwar nicht die
Liebhaberinnen auf, wie in der berühmten Arie aus der Oper „Don
Giovanni“, sondern es sind jeweils sechsseitige Tagebuchblätter mit
Erinnerungen. Der Titel lautet „From A Paradies Blue“.
Und – sie zählen zu meinen Lieblingen – vielleicht, weil sie mich an
meine berufliche Arbeit, das Netzwerkprojekt Gartenregion Hannover,
erinnern: die beiden Monotypie-Collagen „Crazy Dance In The
Green“, die in der Fensternische hängen, in perfekter Harmonie mit
dem Blick nach draußen, auf rote Dächer mit Stuhl-artigen
Schornsteinen und Frühlings-grünen Bäumen.
Ich denke, den Höhepunkt bildet aber unübersehbar das Raumbild
„Un-Besetzbar“ im dritten Raum. Aus dem Bild heraus haben sich 35
Acryl-Objekte, unverkennbar Stühle, wenn auch nur als Fragmente,
auf den Weg gemacht, was auch immer zu erobern: Sie, Hannover, die
Welt…? Mich jedenfalls hat die Komposition im Sturm für sich
gewonnen! Jedes Teil für sich verständlich und gut, aber zusammen
unschlagbar und überwältigend.
Zum Schluss noch einmal ein Blick auf die Ausstellung insgesamt: für
mich ist es eine gelungene und Kunst-volle Komposition und
Präsentation – in jeder Beziehung.
Und zu guter Letzt gebe ich Ihnen zum Nachdenken noch 3 Zitate mit
auf den Weg: Was ist Kunst? „Kunst ist, was man nicht begreift“
(Markus Lüpertz), „Die Kunst ist international (Wilhelm Michel),
„Echte Kunst ist eigensinnig“ (Ludwig van Beethoven). Alles klar?
So, das war`s. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Und bitte,
wagen Sie nur die eine oder andere „Verrücktheit“, und bleiben Sie
der Kunst gewogen, denn „sie öffnet Augen“ – versprochen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.